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«Alles ist autobiografisch»
Das neue Buch von Amos Oz erzählt von der Gründung des Staates Israel, ist aber noch viel mehr: eine berührende Familienchronik und eine Poetik des Schreibens und Lesens. Von Bettina Spoerri Der Titel «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» (der hebräische Originaltitel wurde wörtlich ins Deutsche übertragen) ist eine starke Untertreibung, denn eigentlich erzählt der israelische Schriftsteller Amos Oz in dem Buch sehr viel mehr als nur eine Geschichte – und auch viel mehr als seine Autobiografie. Der mehrere hundert Seiten (im Original sind es 600) umfassende Text setzt sich aus verschiedenen Erzählungen und Reflexionen zusammen. Einen wesentlichen Strang bildet die Geschichte der Grosseltern und Eltern des Autors, die vor Diskriminierung und Verfolgung aus Polen und der Ukraine ins «Land Israel» flohen. Amos Oz trägt die bruchstückartigen Erinnerungen seiner Eltern und seiner Verwandten an die Zeit vor ihrer Auswanderung zusammen, die vor allem in den Auseinandersetzungen zwischen Engländern, Arabern und Juden 1947/48, kurz vor und nach der Gründung des Staates Israel, wieder ans Tageslicht gezerrt wurden. Indem er sich in die Sicht des Jungen, der er damals war, versetzt, taucht Amos Oz in jene Zeit ein, in der entscheidende Weichen für die heutige Situation im Nahen Osten gestellt wurden. Der Autor bleibt dabei ganz nah bei sich selbst und seiner Familie, er legt Rechenschaft darüber ab, aus welchen er Verhältnissen stammt, er fertigt ein detailreiches Bild seiner Eltern an und reflektiert darüber, was seine Emotionen, sein Denken und damit sein Schreiben bis heute prägt. Die Katastrophe des Selbstmordes der Mutter – ihr Sohn war damals zwölf Jahre alt - immer enger umkreisend, aber bis zur vorletzten Seite doch konsequent meidend, springt Amos Oz von der Vergangenheit in die jüngere oder jüngste Gegenwart und zurück: Er erzählt, wie er mit Lesen und Schreiben begann, seine ersten Geschichten erfand und Gedichte schrieb, wie er genau zu beobachten lernte und wie er Jerusalem, die Bücher und den gelehrten Vater hinter sich liess, um aus Trotz ein «braungebrannter» und kräftiger Kibbuznik in Galiläa zu werden. Einmal lässt er sich auch über «gute» und «schlechte» Leser aus – offensichtlich wollte er so die Diskussion, wie viel denn nun in seinem neuen Text autobiografisch sei, verhindern: «Alles ist autobiografisch. (…) Jede Geschichte, die ich geschrieben habe, war autobiografisch, keine ein Bekenntnis. Der schlechte Leser will immer wissen, und zwar auf der Stelle: Was ist in Wirklichkeit geschehen?». Der gute Leser hingegen suche sich selbst in Erzählungen, ein Echo seiner eigenen Empfindungen. «Eine Geschichte von Liebe und Finsternis» ist ein Erinnerungsbuch eines Sohnes über seine Eltern und eine – durch Dokumente von Zeitgenossen angereicherte – persönliche Chronik zum «Unabhängigkeitskrieg» von 1948. Und ein faszinierender Bericht eines Schriftstellers über seine Arbeitsmethoden und das Verhältnis von Realität und Fiktion in der Literatur. Durchhalten lohnt sich also, das Buch wird ab Seite 300 immer spannender - trotz der etlichen inhaltlichen Wiederholungen, die ein genaues Lektorat eigentlich hätte beanstanden müssen. Der Übersetzerin Ruth Achlama aber gebührt ein spezielles Lob: Die Buchstaben- und Wortfantasien von Amos Oz und seinem Vater im Hebräischen vermochte sie in derart überzeugende, kongeniale Kreationen zu übertragen, dass man ihre Meisterleistung kaum bemerkt. Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 765 Seiten. Fr. 47.70
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