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Drohende Implosion
Das Verhältnis von Filmmarkt und Filmkultur in der Schweiz
28. Juli 2011, Neue Zürcher Zeitung Drohende Implosion Wenn Filmmarkt und Filmkultur nicht mehr zusammenspielen Die Mehrheit der Filmbranche hat sich auf die Förderkonzepte 2012–2015 im Bereich Produktion geeinigt. Währenddessen kristallisiert sich aber eine Vernachlässigung der filmkulturellen Bereiche heraus. Dabei hätte die Schweizer Filmszene gerade solche durchaus nötig. Bettina Spoerri Die Promotionsagentur Swiss Films schlägt Alarm. Die Besorgnis des Stiftungsdirektors Micha Schiwow hat nicht nur mit den drohenden Kürzungen zu tun – neben anderem betrifft dies den Exportförderfonds –, sondern mit Entwicklungen in Zusammenhang mit den Filmförderkonzepten 2012 bis 2015. Während nämlich die Filmproduktionsprozesse in der Schweiz stetig diskutiert und ausgebaut werden, zeigt sich gleichzeitig, dass wesentliche filmkulturelle Elemente – namentlich die Promotion und Vernetzung von Schweizer Filmen und Filmautoren und die sachkundige publizistische Begleitung des Filmschaffens – von den Entscheidungsträgern beim Bund als vernachlässigbar betrachtet werden. Entsprechende Weichenstellungen, die bis Ende Jahr erfolgen, sind aber nicht nur für die nächsten Jahre prägend, sondern weit darüber hinaus; in einigen Fällen bedeuteten sie gar einen Kahlschlag, der nur schwer rückgängig zu machen wäre. Da wäre eine umsichtige Planung unter Berücksichtigung auch der Bereiche umso wichtiger, die für ein nachhaltiges Echo, die internationale Vernetzung und Reputation des Schweizer Films sorgen. Kampf um Programmplätze In der Schweiz werden immer mehr Filme produziert, die umso schneller wieder vergessen sind. Denn insgesamt werden die Filme immer weniger wahrgenommen, besprochen und sind auch im Ausland immer weniger sichtbar – sowohl aus marktwirtschaftlichen wie aus inhaltlichen Gründen. Die schwierige Position der Schweizer Filme hat zum einen mit dem Druck zu tun, unter dem Verleiher und Kinoprogrammierer heute stehen: Durch die starke internationale Konkurrenz finden die Filme immer weniger gute Programmplätze in Schweizer Kinos; die Digitalisierung wird die Fluktuation weiter erhöhen. Schweizer Filme haben zum andern aber auch im öffentlichen Diskurs an Präsenz eingebüsst, was mit Veränderungen der Medienlandschaft zu tun hat; der Platz für fundierte Filmkritiken ist stark geschwunden. Diese Entwicklung der letzten Jahre bewirkt, dass der einzelne Schweizer Film im Durchschnitt statt 15 bis 20 grössere Besprechungen öfters nur noch deren 3 bis 5 erhält. Immerhin gibt es noch professionelle Filmzeitschriften; aber das «Filmbulletin», die «Ciné-Feuilles», «Décadrages», das «Cinema»-Jahrbuch und das «Ciné-Bulletin», die gerade auch das Schweizer Filmschaffen durch Rezensionen beziehungsweise Beiträge zu filmpolitischen Themen begleiten, haben in den Filmförderkonzepten einen schlechten Stand. Sie sind, wie manche Tätigkeitsbereiche von Swiss Films, zur Manövriermasse geworden, seit die Sektion Film im Bundesamt für Kultur (BAK) mehrere Baustellen zu bewältigen hat und in vielen Förderbereichen bereits Leistungsaufträge festgelegt hat. Umso grösser ist nun der Spardruck auf manche Posten im Bereich Filmkultur, der übrigens den kleinsten Teil des Film-Gesamtbudgets ausmacht – weniger als 10 Prozent – und damit unter anderem die Festivals, Swiss Films, Filmzeitschriften und die Filmkultur für Kinder und Jugendliche finanziert. Das Phantasma «Erfolgsfilm» «Ohne die Pflege einer echten Filmkultur und ohne entsprechende Sensibilisierung hätte es wenig Sinn, überhaupt Filme zu produzieren», heisst es auf der Website des BAK. Doch gerade dieses Bewusstsein um die nachhaltige Bedeutung einer lebendigen Filmkultur, die den Humus für ein kreatives Klima bildet, spiegelt sich nicht im Umgang des Bundesamtes mit filmkulturellen Themen. Es ist keine Frage, dass der Fazilitationsprozess rund um die selektive und erfolgsabhängige Filmförderung unter Einbezug der Branche wichtig war, um die grössten Konfliktherde endlich zu bewältigen; zum ersten Mal seit Jahren hat sich die grosse Mehrheit der Produzenten und Filmautoren in zentralen Punkten geeinigt, wie sie in Locarno präsentieren wird. Die Branche tut gut daran, so aufzutreten, steht ja diesen Herbst der Entscheid des Nationalrats über zusätzliche 10 Millionen Franken für die nationale Filmförderung an. Das öffentliche Leben eines Films beginnt, wenn er fertiggestellt ist. Die Promotion ist das eine, doch es braucht das Zusammenspiel von Filmmarkt und Filmkultur, um einen Film in einen weiten Resonanzraum hineinzutragen. Wenn zum einen Plattformen der kritischen Auseinandersetzung verschwinden, zum anderen der Export von Schweizer Filmen reduziert wird, droht unserer Filmproduktion eine Art Implosion. Dass in letzter Zeit gerne das Phantasma «Erfolgsfilm» beschworen worden ist – ein Ziel, das selten genug erreicht worden ist –, ist das Symptom einer bedenklichen Kurzsichtigkeit und Desensibilisierung in Bezug auf kulturelle Wechselwirkungen und Kreationsprozesse. Statt dass man über Inhalte spricht und sich – auch innerhalb der Branche – passioniert über Filme streitet, orientiert man sich an Zahlen. Statt die Frische und Originalität von Ideen zu würdigen, unabhängig vom Alter der Filmschaffenden, herrschen Sicherheitsdenken und Kleingeist vor. Statt künstlerischer Handschriften und originärer Sichtweisen beklatscht man brave, konventionelle Filme, die es kaum je an ein renommiertes Festival ausserhalb des Landes schaffen. Gebot von Vielfalt und Qualität Eine mögliche Massnahme, um der Diskussion über Filme wieder mehr Gewicht zu geben, wäre da die Verpflichtung der Filmproduktionsfirmen: zum Nachweis, dass sie zu einer qualitativ hochstehenden Filmkultur in diesem Land beitragen. Immerhin formuliert das Filmgesetz als Hauptziele die Förderung von Qualität und Vielfalt – und nicht etwa die Anzahl Zuschauer. So könnte die Reflexion über Filme auch wieder mehr in der Produktion spürbar werden. Für solche Wechselwirkungen braucht es aber ein rundherum lebendiges, kulturell anregendes Klima – und dieses sollten deshalb auch die Filmförderkonzepte anstreben. Copyright © Neue Zürcher Zeitung AG
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