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Nelly Sachs - Flucht und Verwandlung
Die Ausstellung im Strauhof Zürich: Eine behutsame Annäherung an ihr Leben und Werk

erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung am 24.12.2010

Mit der Wanderausstellung «Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs – Schriftstellerin – Berlin/Stockholm» lädt das Museum Strauhof zu einer intensiven Begegnung mit der Lebens- und Gedankenwelt der deutsch-schwedischen Schriftstellerin.

Bettina Spoerri

«Zeit unter Diktat. Wer diktiert? Alle. Mit Ausnahme derer, die auf dem Rücken liegen wie der Käfer vor dem Tod?» So schrieb Nelly Sachs in ihrem Text «Leben unter Bedrohung», in dem sie sich an die Jahre unter Hitler in Deutschland erinnert. Ihr Privatleben hielt die 1891 geborene Dichterin der Öffentlichkeit gegenüber stets unter Verschluss, sie sah sich als Schreibende vielmehr in der stellvertretenden Rolle für andere – und doch prägten die prekären Bedingungen ihrer Existenz als Jüdin im Europa des 20. Jahrhunderts ihr literarisches Werk zutiefst.

Biografische Spurensuche

Nach der Flucht aus ihrer Geburtsstadt Berlin, die ihr gemeinsam mit ihrer Mutter im Mai 1940 – mit einem der letzten zivilen Flüge nach Schweden – gelang, begann sich ein radikaler Bruch in ihren Texten abzuzeichnen. Später wollte Nelly Sachs sogar, dass alles, was sie vor der Shoah geschrieben hatte, nicht mehr veröffentlicht würde; dabei handelte es sich immerhin um rund 300 Gedichte sowie um eine Vielzahl von dramatischen und anderen Texten. Gemäss ihrer eigenen Entscheidung fand Sachs' «eigentliches» lyrisches Début, wie sie es definierte, mit der Gedichtsammlung «In den Wohnungen des Todes» 1947 statt – damals befand sich die Autorin im diesbezüglich ungewöhnlichen Alter von 56 Jahren.

Für die Ausstellung, die zurzeit im Museum Strauhof gastiert, hat der schwedische Autor und Literaturwissenschafter Aris Fioretos, Hauptherausgeber der neuen Nelly-Sachs-Werkausgabe, eine Suche nach den biografischen Spuren der Schriftstellerin und literarischen Verknüpfungen unternommen. Auf subtile und respektvolle Weise präsentiert «Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs – Schriftstellerin – Berlin/Stockholm» – eine Wanderausstellung, die bereits im Jüdischen Museum in Berlin und im Jüdischen Theater in Stockholm zu sehen war – in Fotografien, Dokumenten, Originalgegenständen und zahlreichen handschriftlichen und gedruckten Texten wesentliche Schnittstellen von Leben und Werk der Autorin.

Neun Stationen veranschaulichen prägende Phasen, die Niederschlag in Nelly Sachs' Texten fanden: von der behüteten Kindheit in Berlin-Tiergarten, ihrer ersten, unglücklichen Liebe über die erzwungene Emigration bis hin zu den späten Nervenklinik-Aufenthalten und den sie quälenden Verfolgungsphantasien. Das Finale bildet die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur 1966, den sie vier Jahre vor ihrem Tod gemeinsam mit Josef S. Agnon zugesprochen erhielt.

Hat man sich einmal in der nicht ganz chronologischen Anordnung der Ausstellungsteile zurechtgefunden – die eher knappen Raumverhältnisse im Strauhof scheinen Umstellungen bedingt zu haben –, hilft eine Art Notizblock bei der Identifikation der einzelnen Objekte, die in grossen geschwungenen Holzkörpern (Gestaltung: Gewerk Design Berlin) dargeboten werden. Zu sehen ist da etwa die Ausgabe von Selma Lagerlöfs Roman «Gösta Berling», die Nelly – geborene Leonie – Sachs zu ihrem fünfzehnten Geburtstag geschenkt bekam; sie selbst begann in dieser Zeit zu schreiben, es entstanden erste Gedichte, später auch Erzählungen und Stücke für Puppen- und Marionettentheater. Ihre «Legenden und Erzählungen», die sie 1921 in Buchform publizierte, schickte sie Lagerlöf, die sie dafür lobte. Beinahe zwanzig Jahre danach wird die ältere Kollegin ein Empfehlungsschreiben verfassen, um Nelly Sachs die Beantragung des rettenden Visums für Schweden zu ermöglichen.

Die Station «Der grosse Anonyme» nähert sich einem zentralen Motiv in Nelly Sachs' früher Dichtung: der offensichtlich unerwiderten Liebe der 17-Jährigen zu einem – bis heute unbekannten – Mann, welche die junge Frau in eine tiefe Lebenskrise stürzte und einen langen Sanatoriumsaufenthalt nach sich zog. Die hohe Empfindlichkeit gegenüber Abschied und Trennung bleibt fortan eines der Hauptthemen ihres Schreibens.

Nach dem Tod des Vaters und Ehemanns wird es für Mutter und Tochter Sachs zuerst finanziell prekärer, als Jüdinnen erfuhren sie zudem nach der Machtübernahme der Nazis zunehmende Drangsalierungen, und ihr Hausbesitz wurde 1939 «entjudet». Später wird Nelly Sachs festhalten, sie habe «drei Tage die Sprache verloren, als man uns besonders peinigte». Im schwedischen Exil begann Nelly Sachs als Übersetzerin zu arbeiten, und ab 1943 veröffentlichte sie mehrere Gedichtzyklen, die den neuen Ton ihres Schreibens begründeten – nicht zuletzt unter dem Einfluss der modernen schwedischen Lyrik von Autoren wie Erik Lindegren.

Ein Zürcher Kapitel

In der Ausstellung ist auch Nelly Sachs' «Kajüte» an der Bergsundsstrand zu sehen, die ihre wenigen Quadratmeter Ess- und Schreibecke mit Blick auf Stockholms südliche Wasser auf symbolische Weise rekonstruiert: ein Zufluchtsort, ein Kokon – und auch der Ort, von dem aus die Schriftstellerin in die Schöpfung ausgriff, ein Knotenpunkt in einem weitgespannten Netz. Aus der Schreibmaschine der Dichterin stammen die zahlreichen ausgestellten Originalschriften, und an den Hörstationen kann man die Texte zuweilen gar in der mündlichen Interpretation ihrer Verfasserin selbst erleben – ebenso auf der zur Wanderausstellung produzierten CD.

Speziell für die Schweiz ist die Ausstellung im Strauhof um ein «Zürcher Kapitel» ergänzt worden, in dem Nelly Sachs' wenige, aber intensive Begegnungen mit Zürich behandelt werden, vor allem auch ihre – über Paul Celan vermittelte – Freundschaft mit Werner Weber, dem Literaturkritiker der «Neuen Zürcher Zeitung». Das Gespräch zwischen den beiden, das der Norddeutsche Rundfunk 1965 ausstrahlte, stellt einen der Höhepunkte der Ausstellung dar, und man sähe gerne mehr als den einen Ausschnitt, in dem Nelly Sachs, diese so zierliche Dame mit ihrer getragenen Sprechweise, über die Schaffung ihrer Welt, die Herstellung von Dasein durch Sprache redet.

Zürich, Museum Strauhof, Detailinformationen siehe www.strauhof.ch. Mo geschlossen, Di–Fr 12–18 Uhr, Sa/So 10–18 Uhr. Hörbuch: Nelly Sachs – Schriftstellerin – Berlin/Stockholm. CD mit Begleitheft. 79 Minuten. Speak Low 2010. Katalog: Aris Fioretos: Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs – Schriftstellerin – Berlin/Stockholm. Eine Bildbiografie. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2010.

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