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Der Schriftsteller André Aciman
Paradoxien der Sehnsucht
In der Upper West Side Manhattans sucht der ägyptisch-jüdisch-amerikanische Schriftsteller André Aciman nach Erinnerungen. Von Bettina Spoerri (NZZaS, 19.6.2011) Das ehrwürdige, etwas in die Jahre gekommene Ansonia-Hotel am Verdi Square, der vollgepackte Traditions-Delikatessenladen Zabar’s, sodann die wuchtigen Doppeltürme der San Remo Apartments: Sie prägen die Upper West Side. In diesem Gebiet Manhattans siedelte sich im 17. Jahrhundert die älteste jüdische Gemeinde New Yorks an, in den 1930er Jahren wurde die Gegend ein Zufluchtsort vieler Juden und Intellektueller aus Europa. Heute ist das Quartier zwischen Central Park und Hudson River eine begehrte Wohngegend des gehobenen Mittelstands. Dieser in stolze Melancholie versunkene Stadtteil ist André Acimans Revier. Hier wohnt er seit seiner Immigration in die USA – und dieses Quartier verwandelt sich in seinem Schreiben zu einer Art literarischer Wundertruhe. Weckt bei Proust jene berühmte Madeleine ein Universum an Erinnerungen, sind es bei Aciman Plätze und Strassen Manhattans, in denen er Bilder aus seiner verlorenen Kindheit aufsteigen sieht. Die Upper West Side dient nie nur dem Lokalkolorit einer Erzählung, sondern verweist stets auf etwas anderes, Abwesendes, sie ist eine Zone unerfüllter Sehnsüchte. Konkrete Orte wie der Straus Park werden Palimpseste, also überschriebene Texte, durch die hindurch man mit dem Erzähler in vergangene Zeiten und verschwundene Orte eintaucht. So sehr sich Aciman akkulturiert hat, als Schriftsteller, als Literaturdozent, Publizist – und Proust-Spezialist: New York bleibt für ihn, wie er sagt, eine «Surrogatstadt», ein Ersatzort. Er liebt NewYork, weil es ihn an Orte seiner Vergangenheit erinnert. Doch als er jene wieder besuchte, erkannte er, dass er vor allem seine Erinnerungsbilder liebt, die mit den realen Orten nur noch wenig zu tun haben. Sanfte Ironie André Aciman ist ein Meister der tückischen Paradoxien der Sehnsucht. Seien es seine Erinnerungen an Alexandria, wo er als Spross einer jüdischen Familie geboren wurde – eine Kindheit, die er im Roman «Out of Egypt» aufleben lässt –, an die Exiljahre nach der Vertreibung der Juden aus Ägypten 1965, die Aufenthalte in Rom, Paris und schliesslich in den USA: Mit Erinnerungen beginnt in seinen Texten die Suche nach der Erinnerung, das Erfinden setzt ein. Es gibt keinen Weg zurück, nur immer mehr Schichten, kreisende Assoziations-Bewegungen. Allen Widersprüchen zum Trotz scheint sich Aciman am ehesten in der Upper West Side heimisch zu fühlen. Hier suche ich ihn auf, um mehr über die Entstehung seiner Texte zu erfahren und das von ihm vielfach beschriebene Territorium zu erkunden – und ich hoffe auch, dass mir der Augenschein vor Ort Hinweise auf seine Interpretationsansätze gibt. Als ich den Schriftsteller kontaktiere – sein Name ist übrigens türkischen Ursprungs, deshalb als «Adschiman» auszusprechen, in den USA ist der Name allerdings zu «Äsimän» mutiert –, schlägt er als Treffpunkt den Straus Park vor. «It might be fun», fügt er an. Weiss man um die zentrale Stellung des Parks in seinem Werk, erkennt man in der Bemerkung eine sanfte Ironie. So wird man zum Komplizen – und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt in das zarte fiktionalisierende Geflecht hinein, das er in seinen literarischen und poetologischen Texten rund um seine wiederkehrenden Schauplätze spinnt. Ein Interview mit André Aciman verwandelt sich schnell in ein Gespräch, denn er stellt gerne selbst Fragen. Er entwirft Selbstaussagen, um sie sogleich mit einer weiteren Bemerkung zu relativieren. In seinem sympathischen Lächeln spiegelt sich Skepsis gegen Analysen, die auf einen Punkt kommen könnten, statt neue Verunsicherungen aufbrechen zu lassen. Und obwohl er zunehmend offen über biografische Hintergründe seiner Texte spricht, betont er umso stärker, wie sehr sich seine Erinnerungen während der Schreibarbeit verändert und verselbständigt haben. Am weitesten entfernt hat sich die Stadt Alexandria. Deren Besuch beschreibt Aciman als Rückkehr an einen Ort, mit dem ihn zwar tiefe Emotionen verbinden, den er aber lieber vergässe. Ein Park voller Erinnerungen Trotz aller Hilfsbereitschaft der Menschen dort bleibt für ihn die Erinnerung der Vertreibung prägend. Gleichzeitig entstehen aber in den Texten des Erinnerungs-Erfinders Bilder einer verzauberten, beinahe glücklichen Kindheit. Auch der Straus Park erfuhr eine Art literarischer Wiedergeburt, und zwar, als er für André Aciman zu verschwinden drohte. Die Grünfläche verwandelte sich eines Morgens in eine Baustelle. Der Autor konnte es kaum fassen: «Ich reagiere eben sehr empfindlich auf Veränderungen.» Bei der Schliessung eines Geschäfts in seinem «Biotop» spüre er, wie dünn der Boden unter seinen Füssen sei: eine erhöhte Sensibilität, deren Ursache Aciman in der Migrationserfahrung ortet. Der Straus Park wurde aber nur renoviert, die Verlustangst war verfrüht. Auf dem Stadtplan wirkt der Park, als habe jemand im Vorbeigehen eine Schallplattennadel angeschubst, die in der nächsten Rille wieder einrastete. Der Broadway, der sich in der Upper West Side jeweils zwischen zwei Avenues erstreckt, schert nur einmal vor der 107th Street aus. Der kleinen Verschiebung verdankt die Gegend ein paar Quadratmeter unbebaubares Land. Wer hier indes mit europäischen Augen nach einem «Park» sucht, könnte den Straus Park beinahe übersehen; er besteht lediglich aus ein paar Bäumen und Sträuchern, einem Denkmal und einigen Sitzbänken. Dieses schmale Dreieck Land aber gab Aciman eines Tages das Gefühl, zu Hause zu sein. Weil er ihn nach dem vermeintlichen Verlust erst richtig wahrnahm und nun entdeckte, dass er von ihm aus je nach Blickrichtung London oder Amsterdam, Paris, Romoder auch – zum Central Park hin – die italienische Riviera verheissungsvoll blau winken sehen konnte. Und auch die Hauptstadt der Erinnerung: ein aus seiner Imagination erstandenes Alexandria findet er hier wieder. In Acimans neuestem Roman, «Acht helle Nächte» (2010) – Titel und Grundanlage spielen auf Dostojewskis «Weisse Nächte» an –, bildet der Straus Park die Szenerie für eine komplizierte Liebe. Immer wieder sucht der Ich-Erzähler in der Mini-Oase Zuflucht vor den ihn bestürmenden Gefühlen. Je widersprüchlicher sein emotionaler Zustand, desto mehr wird der Park zu einem Ort, an dem er quälende Erinnerungen und dunkle Vorahnungen entwickelt. Zwei Schritte vor und drei zurück bewegen sich Clara und der Protagonist in ihrem Liebes-«Schach»; Missverständnisse, Stolz und Angst vor Entblössung verhindern ein vorbehaltloses Zusammenkommen. Der unprätentiöse Straus Park wird zu einem verkehrten Garten Eden. Claras Wohnung befindet sich am Riverside Drive. In Acimans Texten ist er viel mehr als einfach eine Strasse. In seinem Essayband «Hauptstädte der Erinnerung» beschreibt er die Fahrt mit dem Bus M5 der Uferallee entlang – und das Gefährt verwandelt sich hier in einen «himmlischen Omnibus», eine «gelöste Atmosphäre» macht sich breit. Van Goghs St-Rémy und Frank Capras Bedford Falls ziehen an den Busfenstern vorbei, und der Zauber steigert sich, als der Ich-Erzähler einer Frau begegnet, in die er sich verliebt. Etwas von dieser geheimnisvollen Stimmung liegt am Riverside Drive tatsächlich in der Luft. Oder bin ich schon zu sehr von Andr´e Acimans Fiktionalisierungen angesteckt? Als ich jedenfalls nach unserem Gespräch in den Bus M5 steige, beginnt der Fahrer fröhlich die Namen der Stationen zu singen, und zwei ältere Männer diskutieren so vertieft über ein Buch, als müssten sie sich gar nicht sorgen, ihre Haltestelle zu verpassen. Als würde die Fahrt nie enden. In einem Bus, der vielmehr eine Gondel ist, in der wir aufs nächtliche Meer hinausschaukeln. André Aciman Er wurde 1951 in Alexandria geboren. 1956 verliess er mit seiner Familie – im Zusammenhang mit der Ausweisung vieler Juden wegen des Suezkriegs – Ägypten. Er lebte in Rom, bevor sich die Familie 1969 in New York niederliess. Heute lehrt der Doktor der Komparatistik am Graduate Center der NewYork University, wo er das neue Writer’s Institute leitet. Etliche seiner Werke sind auf Deutsch erschienen, etwa der Roman «Out of Egypt» («Damals in Alexandria», 1996), die Essaysammlung «False Papers, Essays on Exile and Memory» («Hauptstädte der Erinnerung», 2004) und der Roman «EightWhiteNights» («Acht helle Nächte», 2010). (bsp.)
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