Bettina Spoerri – SEISMOGRAF.CH
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Taschen mit eingebauten Fallschirmen

Kann man einen Roman über das Trauma von «9/11» schreiben? Jonathan Safran Foer, der junge amerikanische Schriftsteller, der sich mit «Alles ist erleuchtet» in die Bestsellerlisten geschrieben hat, schafft das mit einem vielstimmigen Text, der Pathos vermeidet.
Von Bettina Spoerri

Jonathan Safran Foers «Held» in seinem neuen Roman «Extrem laut und unglaublich nah», der erst gerade in diesem Frühjahr in den USA erschien, ist ein sensibler Junge, der auf besondere Weise damit zu leben versucht, dass sein geliebter Vater hoch oben in einem der World Trade Center-Hochhäuser umgekommen ist. Nach dem Begräbnis seines Vaters – genauer gesagt: eines leeren Sarges, denn seine Leiche konnte nicht gefunden werden -, stösst der neunjährige Oskar durch Zufall in der Wohnung auf eine Vase, die ein Kouvert mit einem unbekannten Schlüssel enthält. Der Junge startet daraufhin eine aufwändige Suche nach dem passenden Schlüsselloch, in der ganzen Stadt New York. Er hofft, auf eine geheimnisvolle Spur seines Vaters Thomas Schell zu stossen, denn er meint, der habe das Kouvert mit dem rätselhaften Wort «Black» versehen. Oskar macht einen ebenso verrückten wie verzweifelten Plan: Er wird, dem alphabetischen Register im Telefonbuch folgend, alle Menschen in New York besuchen, die den Familiennamen «Black» tragen, angefangen bei Aaron Black.

Auf seiner Suche, die mehrere Monate lang dauert, begegnet der Junge Menschen, die, wie er immer mehr begreift, alle auch einer flüchtigen Hoffnung nachrennen. Da ist die reiche, einsame Frau Black mit den beiden Picassos an den Wänden, der Herr Black, der seine Wohnung nicht mehr verlässt und sein ganz eigenes Karteikartensystem von Menschen angelegt hat, oder eine Ruth Black, die seit Jahren auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings wohnt.

Den überbordenden Fantasien des Jungen stellt Jonathan Safran Foer die schriftlichen Erinnerungen und Gedanken von Oskars Grosseltern gegenüber. Der Grossvater, ein Künstler, hat in den 1940er Jahren beim Bombenangriff auf Dresden seine erste grosse Liebe und - traumatisiert wie der kleine Oskar ein halbes Jahrhundert später - seine Sprache verloren. Und er kehrt erst nach über 40 Jahren zu seiner späteren Frau, der Grossmutter von Oskar, zurück - nachdem er durch eine Todesanzeige vom Tod seines Sohnes erfahren hat. Foers Text-Montage evoziert Parallelen zwischen den grossen Verlusten, welche alle drei Figuren erlitten haben. Und am Ende scheint zaghafte Hoffnung auf, dass sie trotz und mit ihrem Schmerz weiter zu leben versuchen. Wo ihm Worte nicht mehr genügen, löst der Autor das Schriftbild auf und greift zu Fotografien, Bildmontagen, Textbildern und Zeichnungen. Die Bilder durchbrechen die Textseiten, ergänzen, kommentieren und illustrieren sie, irritieren aber auch die Illusion der Lektüre. Foer jongliert mit den Bedeutungsebenen seines Textes, darin ist er, im Vergleich mit seinem Protagonisten, der unentwegt Dinge erfindet, nicht minder fantasievoll und verspielt. Oskars Erfindungen sollen den Menschen mehr Schutz gegen Unfälle und Terror gewähren – so unter anderem Umhängetaschen mit Fallschirmen drin – oder auch einfach Freude machen (z.B. Briefmarken, deren Rückseiten nach Crème brulée schmecken, oder Eheringe, die den Puls messen und bei jedem Herzschlag rot aufleuchten). Während das Fabulieren des Autors uns in der Trauer eines kleinen Jungen und einer scheinbar «kleinen» Geschichte die brutale Gewalt des Terrors erfahren lässt. Ein fulminanter, berührender und zugleich bedrückender Text über die unerträgliche Härte der Realität und die Macht der Fantasie.

Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2005. Fr. 40.–
(Der Titel erscheint zeitgleich als Hörbuch im Argon Verlag.)
Lesung in der Schweiz: Zürich, Schiffbau, 20. September.
Foers erster Roman «Alles ist erleuchtet» kommt als Verfilmung mit Elijah Wood in der Hauptrolle im August 2005 in den USA in die Kinos.

© Bettina Spoerri · bettina.spoerri@seismograf.ch  |  Website: Jonas Schoder · schoder.ch