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Das Thema: Armenierinnen und Armenier in der Schweiz
Seit mehr als hundert Jahren leben Armenierinnen und Armenier in der Schweiz. Sie haben sich hier weitgehend sehr gut integriert, und doch ist es ihnen gelungen, ihre Kultur und ihre Sprache zumindest teilweise zu bewahren. Die Mehrheit der schweizerischen Bevölkerung weiss aber – trotz der Schlagzeilen Ende letztes Jahr rund um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern (vor und um 1915 im osmanischen Reich) durch die Schweiz – sehr wenig über die Geschichte und die armenische Diaspora in der Schweiz; und dies, obwohl die Geschichte der Schweiz und die Geschichte der Armenier seit hundert Jahren in verschiedenen Belangen eng verknüpft waren ? und noch immer sind. Die engen Verbindungen haben ihren Niederschlag in Dokumenten und Biografien gefunden, und bis heute existieren sie in Form von Organisationen, zum Beispiel in der ältesten armenischen Vereinigung in der Schweiz, der Union Arménienne de Suisse (AUS), oder in der in den 1990er Jahren gegründeten Gesellschaft Schweiz-Armenien (GSA). Und die Geschichte manifestiert sich vor allem auch in persönlichen Lebensgeschichten. Wenn auch die meisten Kinder und die Enkel der Flüchtlinge in der Schweiz geboren sind, so prägen die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung im ersten grossen Völkermord des 20. Jahrhunderts, in dem rund 1,5 Millionen Armenier ermordet wurden, ihr Leben bis heute. Tausende von armenischen Flüchtlingskindern kamen in den 1920er Jahren nach Europa – Hunderte von ihnen nach Frankreich und in die Schweiz. Im östlichen Teil der heutigen Türkei wurden Hilfswerke und Spitäler eingerichtet. Schweizer, die in den Hilfswerken arbeiteten, wie zum Beispiel der Appenzell-Ausserrhoder Jakob Künzler, waren Augenzeugen des Genozids an den Armeniern. Privatpersonen, Politiker und vor allem auch Kirchenleute engagierten sich bereits ab 1895 mit solidarischen Aktionen – wobei eine Rolle spielte, dass die Armenier Christen sind (die Armenier sind das älteste christliche Volk; es nahm vor 1700 Jahren offiziell die christliche Religion an). 1896 wurde in der Schweiz eine Petition eingereicht, mit der beachtlichen Zahl von mehr als 400’000 Unterschriften zugunsten des armenischen Volkes. Und gerade Genf, wo viele Nachfahren der Hugenotten wohnten, die wussten, was es heisst, für den Glauben verfolgt zu werden, nahm zwischen 1895 und bis Ende der 1920er Jahre viele armenische Flüchtlinge auf. Die Genfer Universität war zudem schon seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Magnet u.a. für Russen und Armenier, unter ihnen auch immer mehr Frauen. Um 1920 gründete der Schweizer Pfarrer Antony Krafft-Bonnard für die armenischen Waisenkinder in der Westschweiz zwei Waisenhäuser, die später als Vorbild für das bekannte multinationale Konzept des Kinderdorfes Pestalozzi dienten. Und im bekannten Lausanner Friedensabkommen von 1923 wurde (im Gegensatz zum Abkommen von Sèvres 1920) ein Vertrag unterschrieben, in dem die Existenz eines armenischen Staates nicht erwähnt war. (Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser hat die historischen Fakten hierzu gut aufgearbeitet.) Um 1960 folgte eine zweite Einwanderungswelle von Armeniern in die Schweiz in Folge der Diskriminierung der Minderheiten durch die türkische Regierung; von den Armeniern dieser zweiten Migrationswelle siedelten sich viele im deutschsprachigen Raum Europas an. Noch heute sind diese beiden verschiedenen Migrationsbewegungen erkennbar: in der Westschweiz leben in erster Linie die direkten Nachkommen von Genozid-Flüchtlingen, während in der Deutschschweiz vor allem Armenierinnen und Armenier anzutreffen sind, die erst seit dreissig oder vierzig Jahren in der Schweiz leben. Während diese später Eingewanderten die armenische Sprache nicht immer mehr beherrschen, weil viele von ihnen türkisch sozialisiert wurden – so auch, was die Interpretation der historischen Ereignisse zwischen 1895 und 1920 anbelangt – und, als Symptom dieser Bedingungen, oft auch nicht in Gemeinden organisiert sind, existiert bei den französischsprechenden Armeniern in der Schweiz in der Regel zumindest tendenziell eine stärkere Verbundenheit zu ihren familiären Wurzeln. Heute leben in der Schweiz ungefähr 6000 Armenierinnen und Armenier, von denen nur ein Teil in Kirchgemeinden oder Vereinen organisiert ist. Die Generation derjenigen, deren Leben direkt durch die Vertreibung und Ermordungen von Armeniern um und auch noch einige Jahre nach 1915 bedroht war, stirbt langsam aus. Aram Djambazian beispielsweise, der als Privatkläger gegen türkische Völkermordleugner in der Schweiz vor Gericht ging, ist letztes Jahr im Alter von 87 Jahren gestorben. So gibt es nur noch ein oder zwei Genozid-Überlebende in der Schweiz.
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